Aloisiuskolleg
Gymnasium der Jesuiten für Mädchen und Jungen

Wer bin ich? In Beziehung zur Welt sein!

Sich Entscheiden 2020 - Impuls 2

31. März 2020

Wer bin ich? In Beziehung zur Welt sein!

Wenn ich eine Entscheidung treffen möchte, ist es zuerst einmal notwendig sich bewusst zu werden, wer ich bin, was meine Stärken und Schwächen sind, welche Sorgen und Ängste ich habe, aber auch was mir Freude und inneren Frieden schenkt. Die Übungen der letzten Woche waren hierfür ein erster Schritt.

Des weiteren sind Entscheidungen nicht losgelöst von unserem Umfeld. Wir werden geprägt durch unsere Familie, unsere Freunde und durch Mentalitäten unserer Gesellschaft. Ebenso werden wir mit Erwartungen anderer konfrontiert, wie zum Beispiel durch das Elternhaus, durch Mitschüler oder Lehrer. Für gläubige Menschen stellt sich zustäzlich noch die Frage, inwiefern Gott bei einer Entscheidung eine Rolle spielen sollte.

Ich empfehle als Übung für diese Woche den Tagesrückblick einzuüben, um die Ereignisse und Herausforderungen des Tages besser einordnen zu können und zu verstehen, welche Gefühle diese in Euch auslösen. Es ist eine Erweiterung der Körperwahrnehmung, durch welchen der Blick auf Eure Umgebung geöffnet wird. Weiterhin empfehle ich das Gedicht von Paul Roth abermals zu Hand zu nehmen und aus einem anderen Blickwinkel zu meditieren.

1. Tagesrückblick

Die hier vorgestellte Weise ist eine Möglichkeit am Abend auf den Tag zurück zu schauen. Es gibt Alternativen, die im Anschluss im Rahmen der Anmerkungen kurz vorgestellt werden. Die hier vorgestellte Weise ist als Gebet konzipiert; wer jedoch ein Problem hat zu beten, kann den vergangenen Tag in einer ähnlichen Weise betrachten.

Vorbereitung

  • Du nimmst Dir nun Zeit, um auf den Tag zurückzuschauen und ihn vor Gott zu tragen. Es ist gut, sich so hinzusetzen, dass Du eine Viertelstunde aufmerksam anwesend sein kannst.
  • Atme ein paar Mal bewusst aus und ein, spüre, wie Dein Atem fließt, wie er kommt und geht, kommt und geht … Du steuerst Deinen Atem nicht, sondern lässt ihn einfach kommen und gehen (einige Zeit Stille lassen).
  • Die Geräusche des Raumes und von außen nimmst Du wahr, Du bleibst jedoch nicht bei ihnen hängen, sondern kehrst zu Deinem Atem zurück.
  • Genauso kommen Dir immer wieder Gedanken – Du betrachtest sie kurz, gehst ihnen jedoch nicht nach, sondern kommst wieder zurück zum Augenblick und zu Deinem Atem.

Einleitendes Gebet mit dem Kreuzzeichen

  • „Herr, ich bitte Dich sei Du nun anwesend in dieser Zeit des Gebets. Betrachte mit mir meinen Tag und offenbare mir, wie Du, oh Herr, meinen Tag siehst!“
  • Du bist jetzt ganz da. Bewusst. Aufmerksam. Gegenwärtig. Auch Gott ist da. Du brauchst nichts zu leisten, nichts zu machen, Du bist einfach da. Dieser Tag, er wurde Dir von Gott geschenkt, darf jetzt noch einmal aufleuchten mit allem, was er Dir gebracht hat. So lenkst Du nun Deine Aufmerksamkeit auf den Tag mit seinen Freuden, Ängsten, Misserfolgen, Mühen usw.

Betrachtung des Tages

  • Hierzu produzierst Du Dir Deinen eigenen Film, und zwar indem Du Dir in Deiner Phantasie vorstellst, was heute alles passiert ist, was Du erlebt hast, wen Du getroffen hast, welche Gefühle in Dir aufgekommen sind etc. Und so beginnst Du den Tag zu betrachten, ohne Dich sofort auf einen konkreten Moment zu versteifen.
  • Du gehst mit Deiner Aufmerksamkeit zu der Stunde, in der Du heute Morgen aufgewacht bist. Vielleicht gab es einen Traum. Du lässt nochmals die Stimmung dieser ersten Minuten am Morgen kommen. Dann wie Du Dich gewaschen hast, und was Du alles nacheinander getan hast.
  • Versuche die Personen wahrzunehmen, die Dir begegnet sind, was Du mit ihnen geredet hast, wie das Wetter war, welche Gefühle in Dir aufkamen etc. So lässt Du den ganzen Tag Schritt für Schritt vor dem inneren Auge ablaufen!
  • Hast Du heute jemanden verletzt? Hättest Du in einem bestimmten Moment aufmerksamer sein sollen? Du hast Du nun die Möglichkeit gegebenenfalls den Herrn um Verzeihung zu bitten.
  • In welchen Momenten wurdest Du von großer Freude, innerer Ruhe oder Faszination erfüllt? Gerne darfst Du nochmals in Deiner Phantasie kurz zu ein oder zwei schönen Momenten zurückkehren.
  • Alle Deine Gefühle – Freude und Angst, innere Ruhe und Unruhe, Gelassenheit und Anspannung – alles bringst Du vor Gott.
  • Und so legst Du diesen Tag vor den Herrn. Er hat ihn Dir geschenkt. Du gibst ihn ihm jetzt zurück. Du dankst für alles was neu und aufregend war, was schön und gelungen war, was Dich gefreut und bereichert hat.
  • Indem Du den Tag in Gottes Hände zurücklegst, bleibt noch Zeit für einzelne Fragen: Wie ist nun Deine Gottesbeziehung? Ist Gott nah oder fern? Was möchtest Du ihm diesbezüglich sagen? Bist Du ihm heute begegnet bzw. nahe gekommen?

Ausblick auf den folgenden Tag

  • Du kannst an dieser Stelle Gott Deinen Wunsch für den folgenden Tag mitteilen. In einem kurzen Moment denkst Du an Deine morgigen Aufgaben. Für diesen Tag kannst Du dem Herrn eine besondere Bitte entgegenbringen. Schließlich bittest Du den Herrn Dich morgen zu begleiten.

Schluss

  • Du kannst den Rückblick mit einem „Vater unser“ beenden.

Am Ende der Übung kann es hilfreich sein im Tagebuch einige Notizen zu machen und Elemente der Erfahrung festzuhalten.

Alternativen zur dargestellten Form:

Eine andere Möglichkeit ist den Film rückwärts ablaufen zu lassen. Du beginnst Dir vorzustellen, was Du in der letzten Stunde gemacht hast, dann setzt Du mit der vorletzten Stunde fort, etc.

Manchen Menschen hilft es auch einfach ruhig zu sitzen und zu schauen, welche Augenblicke des Tages vor dem inneren Auge erscheinen.

 

2. Gedicht zur Meditation

Lies abermals das Gedicht von Paul Roth nach Möglichkeit täglich, nun aber vor dem Hintergrund der Frage: Was hat mich in meinem Leben geprägt oder versucht mich zu prägen? Mein „Ja oder Nein“ wird aufgrund welcher externer Faktoren bestimmt? Welche Einflüsse spielen eine Rolle, wie positioniere ich mich momentan und wie möchte ich mich positionieren?

Ja oder Nein von Paul Roth

Du kannst dir nicht ein Leben lang
alle Türen offen halten,
um keine Chance zu verpassen.
Auch wer durch keine Türe geht
und keinen Schritt nach vorne tut,
dem fallen Jahr für Jahr
die Türen eine nach der anderen zu.
Wer selber leben will, der muss entscheiden:
Ja oder Nein — Im Großen und im Kleinen.
Wer sich entscheidet, wertet, wählt,
und das bedeutet auch Verzicht.
Denn jede Tür, durch die er geht,
verschließt ihm viele andere.
Man darf nicht mogeln und so tun,
als könne man beweisen,
was hinter jener Tür geschehen wird.
Ein jedes JA — auch überdacht, geprüft ist
zugleich Wagnis und verlangt ein Ziel.
Das aber ist die erste aller Fragen:
Wie heißt das Ziel,
an dem ich messe Ja und Nein?
Und: Wofür will ich leben?

Wenn Du Fragen zu den Übungen hast oder gerne über den einen oder anderen Eindruck reden möchtest, so melde Dich am besten per mail: kollegsseelsorger [at] aloisiuskolleg [dot] de