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Sozialpraktikum in Klasse 10 (EPh)

Seit 1986 gehen Jahr für Jahr 80 bis 100 Jugendliche der Klassenstufe 10 (bis 2010 Klassenstufe 11) vier bis fünf Wochen in Alten- und Behindertenheime, in Krankenhäuser, Kindertagesstätten, Obdachloseneinrichtungen, um sich dort ehrenamtlich zu engagieren. „Menschsein für andere“ wird konkret, wenn ich es tatsächlich tue; eine zeitlang auch Tag für Tag über viele Stunden.

Es geht darum, Not zu lindern, anzupacken und zu helfen, so gut ich es kann. Es geht aber vielfach auch darum, das Leid (z.B. am Krankenbett) auch einfach nur auszuhalten.

Herr Jens Gallwitz betreut das Sozialpraktikum zusammen mit Herrn Jendrzewski und stellt hier das Sozialpraktikum vor:

Das Sozialpraktikum als Eckpfeiler ignatianischer Pädagogik am Aloisiuskolleg

Herr Jens GallwitzSozialpraktika sind in den letzten Jahrzehnten allerorten an weiterführenden Schulen in Deutschland den Schulprogrammen beigefügt worden – wir als Jesuitenkolleg sind diesem Trend aber keineswegs gefolgt, sondern dürfen uns, nicht ohne Stolz, als Trendsetter sehen. Nicht nur, weil das Sozialpraktikum bei uns schon seit über 30 Jahren durchgeführt wird, sondern vor allem weil Ignatius von Loyola, der Ordensgründer selbst, schon Anfang des 16. Jahrhunderts bei sich selbst und seinen Ordensbrüdern immer besonderen Wert darauf gelegt hat, Gott nicht nur auf theologisch-theoretischer Ebene zu ergründen, sondern sein Werk mit Herz und Hand an den Menschen zu tun, die unserer Hilfe am meisten bedürfen. Schon die ersten Jesuiten übten sich in sogenannten „Experimenten“, die sie mit den Armen, Kranken und Sterbenden zusammenführten, wobei das Wort „Experiment“ nicht etwa bedeutet, dass man irgendetwas ausprobiert, sondern dass man sich selbst erprobt.

„Die Liebe muss mehr in die Werke als in die Worte gelegt werden“, lautet ein wichtiger Leitsatz von Ignatius von Loyola, der auch für unser Sozialpraktikum maßgeblich sein soll, und dennoch muss hier auch in Worten erläutert werden, was es eigentlich mit dem Sozialpraktikum auf sich hat. Denn es ist für alle Beteiligten - Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrer und Erzieher und auch für unsere Ansprechpartner in den caritativen Einrichtungen - wichtig zu verstehen, welche Ziele wir mit dem Sozialpraktikum verfolgen. Was nützt ein Sozialpraktikum? Woher kommt diese Idee? Und was wollen wir damit erreichen? Was ist daran ignatianisch? Was ist „magis“ und was hat es mit dem Sozialpraktikum zu tun?

Es erscheint uns von essenzieller Wichtigkeit, dass jede Schülerin und jeder Schüler sich diese und ähnliche Fragen stellt und auch schon die ein oder andere Antwort parat hat bevor er oder sie sich den praktischen Erfahrungen zuwendet, damit es nicht bei der bloßen Erfahrung bleibt, sondern diese nur den Beginn eines persönlichkeitsprägenden Prozesses bildet.

Erfahrung

Mit den richtigen Fragen im Gepäck, sind wir gewappnet uns Erfahrungen auszusetzen, die nicht alltäglich sind. Wir begeben uns damit bewusst in Situationen in denen andere Menschen unsere Hilfe brauchen. Wir tun das, um herauszufinden, wie es sich anfühlt zu helfen.

Reflexion

In der Reflexion wollen wir unsere eigenen Gefühle und Gedanken erforschen. Wie war das zu helfen? Wie ist es gebraucht zu werden? Wie ist es Hilfe zu benötigen, abhängig von anderen Menschen zu sein? Wie fühlt es sich an helfen zu können? Und wie fühlt es sich an nicht helfen zu können, ohnmächtig zu sein?

Wir hinterfragen unsere Beziehung zu anderen Menschen und lernen dabei uns selbst besser kennen. Ebenso erneuern und reflektieren wir dadurch unsere Beziehung zu Gott.

Handeln

Mit den Reflexionstagen am Ende des vierwöchigen Sozialpraktikums ist der Prozess noch nicht abgeschlossen. Hier knüpfen wir wieder an das Ausgangszitat an und erinnern uns daran, dass wir nicht nur Worte wechseln, Meinungen hinterfragen und Einstellungen ändern wollen, sondern dass neue Einstellungen und andere Meinungen auch entsprechendes Handeln nach sich ziehen sollten. „Eine Meinung zu vertreten ist nicht genug“ wie Pater P. Görtz schreibt, man muss auch danach handeln. So wünschen wir uns auch von unseren Sozialpraktikantinnen und -praktikanten, dass es nicht bei Erfahrung und Reflexion bleibt, sondern sie sich durch Erfahrung und Reflexion dazu entschließen auch nach Abschluss des Sozialpraktikums Menschen für andere zu sein. Dann werden sie auch weiterhin prägende Erfahrungen sammeln können und in einen Kreislauf von Erfahrungen, Reflexion und Handeln eintreten. Wir wollen ihnen diesen Weg gerne weisen – beschreiten müssen sie ihn gewiss alleine.

Das Sozialpraktikum ist „magis“

Im Sozialpraktikum manifestiert sich also der Gedanke mehr zu lernen, als die schulischen Curricula beinhalten, mehr zu werden als nur ein gebildetes und erfolgreiches Individuum. Nur wenn es uns gelingt durch die reflektierte Verkostung der sozialen Erfahrung auch neue Maßstäbe für unser eigenes Handeln abzuleiten, werden wir zu Menschen, die nicht nur sich selbst die Nächsten sind, sondern die Menschen für andere sind. Dann dürfen wir für uns auch den Begriff der „Exzellenz“ beanspruchen, da wir dem Wortsinn nach uns selbst übertreffen und über uns hinauswachsen, wenn wir anderen helfend die Hände reichen. Wir sind nicht besser als andere, sondern besser für andere und erfüllen dadurch unsere Bestimmung und Gottes Auftrag (ad maiorem dei gloriam).

Hier finden Sie noch einen Ausschnitt aus der Ansprache von P. Johannes Siebner SJ zum Jubiläum „25 Jahre Sozialpraktikum“ im November 2011 :

VKITDas Aloisiuskolleg ist Mitglied im Verband Katholischer Internate und Tagesinternate (V.K.I.T.) e. V.